Männerriege AS: Bildungsreise 2007 (28. April – 1. Mai)
Leipzig - Stadt mit Tradition auf rasender Fahrt in die Neuzeit

 

Erstes Vorwort
Was unser verdientes Mitglied Wolfgang Möckel schon immer wollte: die lange Tradition sich in ihrem Gehalt exponentiell steigernder Bildungs- und Kulturreisen der Männerriege Pratteln AS fortzusetzen. Dies ist ihm glorios gelungen: er hat eine viertägige Expedition organisiert und durchgeführt, welche die hochgespannten Erwartungen der 38 bildungs- und kulturhungrigen Teilnehmer nicht nur erfüllt, sondern übertroffen hat. Bravo Wolfgang, und herzlichen Dank für Deine hervorragende Leistung! Dasselbe Lob gebührt natürlich auch Günter Klotz, dem Neffen Wolfgangs, der nicht nur die Detailarbeit der Organisation am Ort ohne Fehl und Tadel besorgte, sondern uns auch drei Tage lang mit dem komfortablen Bus sicher chauffierte!

Zweites Vorwort
Für das Gebiet der ehemaligen DDR bildet das Jahr 1989, der Untergang der sog. „Deutschen Demokratischen Republik“ und die Eingliederung in die Bundesrepublik, eine ungeheuer wichtige Zäsur. Die „Ossis“ sprechen von zwei Zeitperioden – vor der Wende und nach der Wende.

Die Stadt
Vom gewaltigen Bahnhof - Leipzig spricht stolz von Europas grösstem Kopfbahnhof - gelangt man über den Willy-Brandt-Platz direkt ins Stadtzentrum, ein Geviert von 600 x 800 Meter. Dem unbedarften Berichterstatter bietet sich Leipzig (500'000 Einwohner) in den ersten Minuten als „gewöhnliche“ moderne Grossstadt deutscher oder europäischer Provenienz dar, mit relativ wenig Autoverkehr zwar. Beim Eindringen ins Zentrum werden aber mehr und mehr die 40 Jahre Zugehörigkeit zur DDR sichtbar: Baulücken, vergammelte Gebäude, vor allem Hinterhöfe, zeugen noch von der kommunistischen Herrschaft (diesen Eindruck vermittelte noch verstärkt die Bahnfahrt ab Eisenstadt, der Grenzstadt zwischen BRD und DDR).

Die Stadtführerin, als Lene Voigt verkleidet, einer sächsischen Schriftstellerin des letzten Jahrhunderts, einem echten Original, begrüsste uns auf Sächsisch, wovon wir in den ersten Sätzen ausser Leipzsch (Leipzig) kaum etwas verstanden. Ein kurzer Einführungskurs für die nachfolgende Führung durch die Stadt in Sächsisch liess die ausnahmslos höchst sprachgewandten Prattler aber praktisch alles kapieren; für einzelne Ausdrücke und Wendungen wurde die Übersetzung in Schriftdeutsch nachgeliefert.

Leipzig wurde uns als Messestadt und als „Gunststadt“ (Kunststadt) charakterisiert. Das Messewesen geht noch auf das Mittelalter zurück und ist an diversen Gebäulichkeiten (Handelshöfe) in der Innenstadt noch sichtbar und gipfelt in dem neuen Messezentrum am Stadtrand (davon später). Die Stadtführerin schwärmte – zu Recht – von der Bedeutung Leipzigs als Kunststadt in den höchsten Tönen, lebten doch viele der berühmtesten deutschen Musiker und Dichter mehr oder weniger lange in der Stadt und prägten sie mit. Hier wirkte Johann Sebastian Bach über Jahrzehnte als Kantor des berühmten Thomas-Chores, leitete Felix Mendelssohn Bartholdy das Gewandhausorchester und gründete das erste deutsche Konservatorium, feierten Robert und Clara Schumann ihre grossen Erfolge und erhielt der in Leipzig geborene Richard Wagner seine erste musikalische Ausbildung. In Leipzig finden sich auch Zeugnisse vom Wirken Goethes (studierte 1765-1768 in der Stadt), Schillers (wohnte eine Zeitlang in Leipzig), Heinrich Fontanes, Lessings und vieler anderer mehr.

Der Rundgang durch die City, die während des 2. Weltkrieges arge Zerstörungen erlebt hatte, führte gleich anfangs durch eine Strasse namens Brühl, wo gegenüber dem spektakulären Museum der bildenden Künste (nach Prospekt eine der berühmtesten bürgerlichen Bildersammlungen) und anschliessend an die „Blechbüchse“ (mit Blech überzogenes Warenhaus als VEB = Volkseigener Betrieb aus DDR-Zeiten) eine Wohnsiedlung für ehemalige kommunistische Parteibonzen steht. Die Häuser, Plattenbauten wie so häufig aus jener Zeit, sehen ganz passabel aus (sie dienten ja der Elite!). Sie werden aber demnächst abgebrochen; so entledigt man sich eines Stückes der jüngsten Vergangenheit! Schnell wurde im übrigen ersichtlich, dass in DDR-Zeiten zumeist nur die Vorderfassaden anständig unterhalten wurden; an Hinterhöfen und dem Gebäudeinneren nagt gehörig der Zahn der Zeit. – Der Weg führte über den Markt zum Alten Rathaus und dem Königshaus (früher Luxushotel), einem sehr schönen Ensemble, dominiert von Renaissangse (Originalton der Fremdenführerin). Durch die Mädler Passage gelangt man zum Auerbachs Keller (1525 erbaut und angeblich unter den ersten zehn der berühmtesten Restaurants weltweit (!), und Handlungsort einer ganzen Szene aus Goethes „Faust“ („Auerbachs Keller in Leipzig“). Die Herren Männerriegler hatten die Ehre, im dortigen Keller (nicht im Touristenrestaurant!) speisen zu dürfen, allwo uns der gewiefte und literarisch ausserordentlich beschlagene Kellner in die Zeit Goethes zurückversetzte, ein äusserst gelungener Abend! (Das uns ausgehändigte Zertifikat über unseren Besuch trägt den Spruch: „Wer nach Leipzig zur Messe gereist, ohne auf Auerbachs Hof zu gehn, der schweige still, denn das beweist: er hat Leipzig nicht gesehn“). – Über Thomaskirche (mit der überlebensgrossen Statue Johann Sebastian Bachs – er wirkte 27 Jahre dort), Neues Rathaus (auch schon 100 Jahre alt!), Nikolaikirche gelangt man zum imponierenden Augustusplatz, flankiert vom Opernhaus (aus kommunistischer Zeit), dem Gewandhaus (Konzerthalle mit hervorragender Akustik, aus kommunistischer Zeit) und dem City Hochhaus (auch „Steiler Zahn“ genannt, etwa gleich hoch wie Basels Messeturm).

Anderntags führte uns Günter, begleitet von der beeindruckend
ortskundigen städtischen Tourismus-Führerin Grit, in die Aussenquartiere der Stadt, früher selbständige Gemeinden. Dass der Präsident der Männerriege und andere zu spät auf den Bus kamen, war den Gästen gegenüber nicht nur unhöflich, es stahl uns allen auch wertvolle Zeit. Die Stadt verfügt über ein riesengrosses Bahngelände, das aber für den Bahnbetrieb längst nicht vollständig benötigt wird; diese Teile des Areals bergen ein hohes Entwicklungspotential für die Stadt (Infrastruktur, Industrie- und Gewerbegelände). Aber auch weiter vom Zentrum entfernt liegen sehr bedeutende Freiflächen für wirtschaftliche Nutzung. Seit der Wende sind im Zuge von Neuansiedlungen auch schon substantielle Teile davon überbaut worden. Beispiele: die Ansiedlungen von BMW (spektakuläres Betriebsgebäude von Zaha Hadid, der Architektin für das projektierte neue Casino in Basel), Porsche und Toshiba. Dazu gehört auch das neue Messegelände mit Kongresszentrum, ein eindrücklicher Komplex mit guter Architektur und hervorragendem Verkehrsanschluss über Strasse, Tram und S-Bahn. Von den älteren Stadtteilen besitzt jeder seinen Reiz und seine Schattenseiten: Das Spektrum reicht vom Schiller-Haus (Schild: „Hier wohnte Schiller und schrieb das Lied an die Freunde im Jahre 1785“) bis zum modernen Gross-Stadion (Fussballspiele an der WM 2006), von sanierten Industrie- und Wohnbauten (heute moderne Lofts) bis zu Bruchbuden, vom Staubecken (stinkt, wird saniert) bis zum längsten Wohnblock Europas, vom Bundesverwaltungsgericht (hervorragender klassizistischer Bau, früher Reichsgericht) bis zum Deutschen Platz (wissenschaftliche Einrichtungen, Industriepark auf dem alten Messegelände). Bemerkenswert ist übrigens, dass man die Stadt von Norden nach Süden (und natürlich auch umgekehrt) durch Wald durchwandern kann. Die Fahrt endete bei der Nikolaikirche, wo die Fremdenführerin Grit, mit Tränen in den Augen, die dramatischen Ereignisse vor der Wende schilderte. Die montäglichen Friedensgebete in der Kirche bildeten eine wichtige Voraussetzung für die friedliche Revolution und deren Weg zur deutschen Einheit. Dramatisch wurde die Lage, als das DDR-Innenministerium für den Fall von Provokationen und Unruhen Schiessbefehl erteilte. Der Besonnenheit der Demonstranten war es zu verdanken, dass kein Blutbad entstand.

Der Nachmittag war Napoleon gewidmet. Was hat Napoleon mit Leipzig zu tun? Viel, angesichts der über 100 an den französischen Feldherrn und Kaiser erinnernden Gedenkstätten. Napoleons Truppen verloren 1813 die Völkerschlacht bei Leipzig, ehe sie 1815 bei Waterloo in Belgien vernichtend geschlagen wurden. Der „kolossale Tempel für Tod und Freiheit in Europa“ (Stadtgeschichtliches Museum Leipzig) erhebt sich 91 Meter hoch am Rande der Stadt. Eingeweiht wurde das scheussliche Unding 1913, 100 Jahre nach der Schlacht. Die Männerriege Pratteln AS besitzt bereits eine Einladung zu den Feierlichkeiten 100 Jahre Denkmal in 2013. Übrigens: Als Fremdenführer zum Monument kam der Kaiser persönlich. Jedenfalls trug er eine Napoleon-Unform und verteilte noch je eine Offiziersuniform an Günter, unseren Fahrer, und an Walti Suter. Hei, war der im Element in diesen Klamotten! Er versuchte uns nach dem militärischen Prinzip „kuschen, kriechen, kotzen“ über den Kasernenhof zu hetzen! Die Zahl der Dienstverweigerer war nicht unerheblich …

Vom Bergbau zur Seenplatte
In Mitteldeutschland wurde bekanntlich seit Beginn des Industriezeitalters Braunkohle gefördert. Die Flöze lagen nur wenig unter dem Boden; die Braunkohle konnte im Tagebau (also nicht in Minen, sondern von der Oberfläche aus) gewonnen werden. Dieser relativ kostengünstige Abbau war aber mit verheerenden Folgen für Menschen und Natur verbunden. Die Devastierung (Zerstörung von Landschaften, Siedlungen, Bauwerken durch die Grosstagebauförderung) erreichte im Gebiet der ehemaligen DDR über 300 Siedlungen, und mehr als 100'000 Menschen mussten umgesiedelt werden. Etwa ein Viertel davon betraf das Gebiet südlich und nordöstlich von Leipzig!

Braunkohle wird auch heute noch im Tagebau gefördert (2005 allein in Sachsen rund 32 Mio Tonnen!), und im ganzen Gebiet der ehemaligen DDR lagern noch Braunkohlenvorräte von einer Milliarde (=1000 Mio) Tonnen! Einen gewaltigen Fortschritt hat die Wiedervereinigung hinsichtlich des Braukohlenbergbaus hingegen gebracht. Einerseits wird die Braunkohleverstromung nach modernsten Methoden heute so umweltverträglich wie möglich realisiert, und andererseits werden die nicht mehr genutzten Fördergebiete im grossen Massstab rekultiviert, d.h. die Löcher werden mit Abraummasse aufgefüllt und anschliessend geflutet: Es entstehen Seen, oft mehrere Quadratkilometer gross. Geplant sind für den Endzustand nicht weniger als 180 Seen im gesamten Gebiet der ehemaligen DDR, davon 20 in der unmittelbaren Umgebung Leipzigs. Mehrere im Bau befindliche und einen bereits fertig gestellten und imponierenden See haben wir besucht. Diese völlig erneuerte Landschaft wird, teilweise schon heute, für Freizeit, Sport und als Feriengebiete genutzt. Der Bund, das Land Sachsen und viele regionale Organisationen unternehmen riesige Anstrengungen, neue Aktivitäten und neue Arbeitsplätze zu realisieren. Ein beeindruckendes Werk nach der Wende! - In diesem Zusammenhang ist natürlich auch die Umstrukturierung der Industrie zu sehen. Die alten Dreckschleudern sind stillgelegt (und stehen noch häufig als Industriebrache in der Landschaft), und neues Leben, d.h. umweltfreundliche Betriebe, blüht aus den Ruinen.

Zeugen der früheren Trostlosigkeit können heute für Tourismus und Kultur genutzt werden. Ein Beispiel dafür ist „Ferropolis“, die „Stadt aus Eisen“. Prunkstück der Anlage bildet eine Arena, welche von fünf ausgedienten Schaufelrad- und Eimerkettenbaggern, jeder bis zu 130 m lang und bis zu 30 m hoch, zusammen 7000 Tonnen schwer, flankiert wird. Wunderdinger der Mechanik! In der Arena werden Konzerte aller Art mit bis zu 25'000 Besuchern abgehalten.

Fazit
Der Autor - und offensichtlich auch die 37 anderen Teilnehmer der Expedition - erlebten eine sehr eindrückliche Expedition in den „Osten“, in Wolfgang Möckels frühere Heimat. Dass die Kultur- und Bildungsreise der Männerriege nach Leipzig so eindrucksvoll überzeugte, bildet das Verdienst Wolfgangs und seines Neffen Günter Klotz, welche ein unter kultur- und wirtschafshistorischen, denkmalpflegerischen, architektonischen, politischen etc. Aspekten äusserst interessantes und instruktives Programm organisierten und leiteten. Grosse Anerkennung und herzlichen Dank allen beiden für die tadellose Leistung! Lob gebührt auch dem Hilfs-Sheriff, Aldo Pavan, für seine bahntechnische Planung und Realisierung.

Und die Teilnehmer? Sie waren von den vielen Eindrücken komplett erschlagen. Sie hatten weder Musse noch Bock für Allotria oder gar Übleres. Sie waren vollauf beschäftigt mit dem gebetsmühlenhaften Verarbeiten der unzähligen Informationen und Reize ans Gehirn. Abends waren sie alle physisch erledigt und intellektuell am Anschlag. Selten ein fauler Spruch, einzig hundertprozentige Konzentration und Seriosität. Etwa das höchste der Gefühle unter der Rubrik Humor und Spass charakterisiert der Dialog Fremdenführerin / Beat Lüthy. Frage: „Habt Ihr in der Schweiz auch Bergbau“? Antwort Beat: „Nein, nur Briketts“. Ein Kompliment kam uns später von der Wirtin des Gasthofs Störmthal zu: „Was der Günter uns da gebracht hat, das war eine lustige Bande“. Woran sie wohl mehr Freude gehabt haben mag? An den nicht wenigen verkauften Schnäpsen oder am Baselbieter oder dem Prattler Lied? Laut waren die Gesänge jedenfalls allemal.

Die Teilnehmer freuen sich auf die nächste Kultur- und Bildungsreise in zwei Jahren!

Markus Furler

 
     

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